Freiraum rauben - und nicht rauben lassen! - Ein Interview von Migrazine mit dem Treibsand Kollektiv

1) Bitte, erzähl uns über euren Verein, Was macht ihr? Für wen? Was macht ihr im Kulturbereich?

Zu aller erst soll der Infoladen Treibsand Raum für Information, Diskussion und Austausch von Meinungen abseits des Mainstream, sowie die Möglichkeiten des Organisierens bieten.

Wir selbst verstehen uns als links-radikales (anarchistisches) Kollektiv, dass basisdemokratisch, auf dem Konsensprinzip beruhend selbstorganisiert ist. Wir wollen eine Gesellschaftsordnung, die frei von ineinandergreifenden Herr*inschafts- und Unterdrückungsverhältnissen (wie Rassismen,(Hetero-)Sexismen, Kapitalismus, Staat, Antisemitismus, Nationalismus, Post-/ Neokolonialismus...etc.) ist bzw. die diese immer wieder reflektierend abzubauen bzw. ganz zu vermeiden sucht. Wir wollen eine solidarische, auf Gegenseitige Hilfe beruhende Gesellschaftsordnung die von unten nach oben aufgebaut ist. Und damit es nicht bei einer Idee bleibt, ist gemeinsames Handeln notwendig.

Den ersten Schritt zu diesem Ziel stellt für uns die Verbreitung von Informationen dar. Dies soll auch als Gegenpol und Alternative zur kommerziellen Medienlandschaft verstanden werden, welche gezielt Informationen unterbindet und konträre Meinungen vorenthält, um die herrschenden Verhältnisse aufrecht zu erhalten.

Neben den regelmäßigen Öffnungszeiten in der Rudolfstrasse ist der Infoladen auch immer wieder in anderen Locations/ an anderen Orten in Linz anzutreffen. So werden Buchvorstellungen, Vorträge, Filmvorführungen und Konzerte organisiert, Infotische zu verschiedenen Anlässen und an verschiedenen Orten aufgebaut, VOKü's gemacht und so weiter uns so fort.

Nebenbei sind Einzelpersonen der Gruppe noch in anderen Kulturinitiativen und/oder politischen Zusammenschlüssen aktiv.

2) Welche (Un)Möglichkeiten erlebt man als Verein oder Künstlerin mit/innerhalb von Linz09?

Da wir selbst als Infoladen kein Projekt eingereicht haben und das auch nicht wollten, können wir dazu keine direkten persönlichen Erlebnisse erzählen.

Allerdings kamen uns zahlreiche Unmöglichkeiten, die befreundeten Vereinen/Kulturschaffende*n passiert sind zu Ohren: So verschwanden zum Beispiel Projektanträge in den unendlichen Weiten der 09 Büros immer wieder und mussten regelmäßig neu verschickt werden, auch ist plötzlich, bei manchen Projekten, von Gewinnorientierung und Gewinnbeteiligung die Rede um nur einmal zwei Beispiele zu nennen.

3) Welchen Beitrag leistet Linz 09 für Linz Kultur?

Linz09 sehen wir als Prestige- und Wirtschaftsprojekt der Stadt Linz. Im Rahmen von Linz09 werden sogenannte „Randgruppen“ aus der Innenstadt verdrängt, Häuser saniert und danach zu unerschwinglichen Preisen vermietet bzw. verkauft. Baufirmen und Immobilienfirmen verdienen ein Vermögen an der Umstrukturierung von Städten im Zuge des Projekts Kulturhauptstadt. Während ein neues Ars Electronica Center, ein Musiktheater gebaut und das Schlossmuseum erweitert wird etc. sind Kunst- und Kulturarbeiter*innen extrem prekarisierten Arbeitsbedingungen ausgesetzt: kein Urlaubs- und Krankengeld, kein 13. und 14. Monatsgehalt, für Sozialversicherungen muss frau*mann meistens selber aufkommen, Arbeitszeiten, die oft weit über 8 Stunden am Tag hinausgehen und nicht auf 5 Tage die Woche beschränkt sind etc. Selbst Linz09 sucht unbezahlte Arbeitskräfte, Ausbeutungsverhältnisse, die schön gemalt werden unter dem Deckmantel „Kulturhauptstadt“.

Wir sehen daher in Linz 09 ein als Mega-Kultur-Event verpacktes sozial-ökonomisches Strukturanpassungsprogramm, dass mehr der nachhaltigen kommerziellen Nutzung der Stadt verpflichtet ist als der Förderung kultureller Vielfalt und der Verbesserung der Arbeitsbedingungen im Kunst- und Kulturbereich. Organisationen und Vereine, die schon seit Jahren einen wichtigen und unersetzlichen Beitrag im kulturellen Bereich bzw. zum kulturellen Leben in Linz leisten (dies aber eben meist schwer unterbezahlt und auf Basis von Selbstausbeutung der Kulturarbeiter*innen) werden einfach ausgegrenzt. Projekte die im Rahmen dieses Events „Kulturhauptstadt“ gefördert werden, zählen meist schon zur sehr gut bürgerlich etablierter Hochkultur.

4) Ist eurer Meinung nach wichtig, dass Selbstorganisationen von MigrantInnen beteiligt sind am Kultur Programm von Linz09?

Grundsätzlich ist es für jede Gesellschaft wichtig, dass sich Migrant*innenselbstorganisationen am politischen, kulturellen, wirtschaftlichen und sozialen Leben beteiligen. Für uns stellt sich allerdings die Frage inwieweit es für nicht hegemoniale Gruppen möglich ist bzw. (bewusst) verunmöglicht wird in solchen Prestige- und Wirschaftsprojekten wie Linz09 die eigenen Vorstellungen und Inhalte transportieren zu können.

Im Bewerbungspapier für Linz09 ist zwar „Kulturarbeit von Migrant*innen“ genannt worden, was aber eher einer Vereinnahmung dieser Organisationen/ Vereine entspricht. Eine breite Beteiligung von Migrant*innenselbstorgansiationen und Vereinen der Freien Szene in Linz wäre sicher eine spannende Bereicherung für das Programm von Linz09, da das allerdings Seitens Linz 09 ganz offensichtlich verhindert/ verunmöglicht wird, ist wahrscheinlich mehr denn je ein selbst organisiertes, unabhängiges „Arbeiten“ notwendig um eigene Vorstellungen und Inhalte transportieren zu können.

05) Glaubt ihr, dass es zu einer Veränderung des „Industriellen Linz“ durch das „Kulturelle Linz“ kommen wird?

Ist das ein Widerspruch? Gerade die Kunst und Kulturinitiativen der Freien Szene haben diesen Teil der Linzer Identität immer hervorgehoben, zahlreiche Projekte bauen auf das Image des „Industriellen Linz“.

Es darf aber nicht vergessen werden, dass wir eben dieses "Linz. Stadt der Arbeit und Kultur" schon einmal hatten. Natürlich thematisiert auch Linz 09 die nationalsozialistische Geschichte dieser Stadt. Aber was hilft es wenn dies ersten bereits im Jahr 2008 geschieht, um 2009 den Feierlichkeiten der Kulturhauptstadt keinen fahlen Beigeschmack zu geben und zweitens eine an die damalige (faschistische/ nationalsozialistische) Stadtentwicklung angelehnte Politik verfolgt wird. Was wir in der Vorbereitung auf Linz09 miterleben ist die Unterwerfung des Stadtbildes unter die Paradigmen von Macht und Kommerz, große Prestigebauten bei gleichzeitiger Entfremdung des öffentlichen Raumes von seiner sozialen Dimension, eine aus Stein zugepflasterte Innenstadt, Plätze für (Groß-)Events statt gemütlichem Niederlassen (das die*den einzelene*n nichts kosten würde), ein Stadtbild das auf Vertreibung von sogenannten „Randgruppen“ aus ist. Diese Entwicklung beobachten wir mit Sorge.

6.) Gibt es noch etwas, was dir wichtig ist?

NullNein.

Linz verendet. Freiraum rauben - und nicht rauben lassen!

Zuerst erschienen in MigraZine – Online Magazine von und für Migrantinnen
http://migrazine.at